Klima? Corona? – Die Tägliche Amsel

29. Januar 2020Hannah Brunnbauer

Mein Hals kratzt. Röchelnd huste ich den Schleim hoch, der sich dort festgesetzt hat.

Mein innerer Hypochonder läutet die Alarmglocken: „Corona-Virus! 2019- nCoV, welches wie eine Gamingconvention klingt, aber in der Ausführung wesentlich dramatischer sein dürfte, hat jetzt auch dich erwischt! Schnell zum Arzt!“

Den Hörer bereits in der Hand, ( wenn ich so in mich hineinfühle, ist mir auch ganz warm, sind meine Lippen blau?) überlege ich, wie oft ich die letzten Monate in China war. Das Ergebnis: 0 (Chinaladen und Sushirestaurant zählen ja nicht). Ähnlich hoch der Kontakt mit Kollegen im Homeoffice. Ich lege das Telefon beiseite, mache das Fenster auf, frische Luft wird mir gut tun, Heizungsluft ist ja bekanntlich auch nicht das Wahre.

Fast reflexartig schwellen meine Augen zu. Durch die zornigen, histamingetriebenen, juckenden Augenlider hindurch sehe ich sie gerade noch: Die Hasel, welche, ganze 4 Wochen zu früh, munter vor sich hin blüht, ihre kleinen Pollenschleudern biegen sich lasziv in den winterlichen Windböhen. Und das direkt vor unserem Schlafzimmerfenster. Dieses Luder!

Ich mache das Fenster wieder zu. Da fängt der Tag ja gut an, mit den beiden Topthemen der aktuellen Medienlandschaft: Klimawandel und das Kung-Flu-Virus aus China. Innerhalb der ersten zehn Minuten nach dem Aufwachen. Das muss mir erstmal einer nachmachen!

Ich mache mir auf jedenfall ersteinmal einen Hustentee (zur Sicherheit) mit dem ich die Allergietablette runterspüle (Nimm DAS, Hasel!). Kurz bemitleide ich mich selbst, denn Allergien sind so unnötig wie nervig und gesellschaftlich auch nicht wirklich als echte Krankheit angesehen ,sondern eher als eine Art ‚Weicheileiden‘ (was aber wirklich nur Leute sagen können, die keine echten Allergien haben). Mit dem neuen Coronavirus, damit hätte ich gewiss erst Aufmerksamkeit (schaut mal, DA ist die, die beim perfekten Dinner mitgemacht und das Corona-Virus überlebt hat!) und dann, nach Genesung, einen Tapferkeitsbatch erreicht, als echter Virenveteran oder so.

Ja ich weiß doch, das Virus ist schon ernstzunehmen, es breitet sich gut aus, was hauptsächlich an der großen, symptomfreien Inkubationszeit von zwei Wochen liegt, und es kann Menschen umlegen. Bisher sieht es aber so aus, als wenn es besonders gefährlich für Menschen mit Vorerkrankungen oder mit geschwächtem Immunsystem (also besonders Alte und Kinder ist), ähnlich dem Influenzavirus übrigens. Und auch ,wenn man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll, ist das genau der Punkt, wo ich Menschen nicht mehr ernstnehmen kann. Denn die ’stinknormale‘ Grippe hat in der letzten Saison allein in Deutschland laut Robert-Koch-Institut über 182.000 Menschen infiziert und 25.000 Menschen umgebracht. In einer Saison. In Deutschland. Eine Impfung kann eine Infektion mit und einen Tod durch Influenza deutlich senken. Das Coronoa-Virus hat aktuell weltweit 6000 Menschen infiziert und um die 150 Menschen getötet, also vergleichsweise wenig. Das Problem besteht einfach darin, dass es neu ist und wir noch nicht wissen, wo die Obergrenze liegt.

Während sich jetzt aber wegen des Virus aus China bei 4 (!!!) bestätigten Fällen in Deutschland Panik ausbreitet und einige Menschen schon die Apokalypse sehen und nach einem Impfstoff schreien, ist der Wille, sich gegen Grippe impfen zu lassen, eher mau. Immer wieder höre ich Behauptungen wie, dass Leute durch die Impfung an Grippe erkrankt seien (klassische Korrelation, es gibt ja auch simple Erkältungen und grippale Infekte, die man zufällig und unabhängig von der Impfung aufschnappen kann), dass sie eh nicht erkranken (da versetzt Glaube Berge), oder die Impfung ja garnichts bringe, weil man eh nicht wüsste, welcher Virenstamm in der Saison auftritt (also ist kein Schutz besser als ein Schutz der nicht 100 Prozent garantieren kann, oder was?).

Alles Uninformiertheit. Vielleicht wäre es gut, wenn Viren dezent größer wären. So in etwa Fußballgröße. Damit man mal sieht, was da so rumfliegt in der Umgebung. Dann gäbe es vielleicht auch weniger verschwurbelte Imfgegner, denn was man sieht, lässt sich weniger gut leugnen und als Intrige der Regierung auslegen. So ist es nämlich beim Klimawandel. Die Hasel vor unserem Fenster schert sich jedenfalls nicht um die Klimagegner, die den Wandel leugnen. Sie blüht einfach wie es ihr passt. Und dank mittlerweile um drei Grad erhöhter Jahresmitteltemperatur passt es ihr halt schon Mitte Januar, statt Mitte Februar.

Ich schnaube empört. Meine Nase ist wieder frei. Also doch kein Coronavirus. Glück gehabt!

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